Die Chronik von Rumeln

von Peter Dimmers

Peter Dimmers war Lehrer in Rumeln und hat mit seienr Chronik wesentliche Teile der Rumelner Zeitgeschichte dokumentiert.
Die Chronik von Rumeln ist bisher nicht veröffentlicht worden. Die Kopie einer Abschrift der Chronik von Rumeln kann bei mir gegen Erstattung der Kosten erworben werden .

Da es sich um Einzelanfertigungen handelt (Farblaser-Druck, individuelle Bindung) werden besondere Wünsche bezüglich individueller Gestaltung und persönlicher Eintragungen gerne berücksichtigt.

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Abschrift der Chronik von Rumeln
von Peter Dimmers

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Einleitung

Rumeln liegt in der Grafschaft Moers.

Wo nicht mehr die Ufer des Rheins von Sagen umwoben, von Rebenhügeln umkränzt, von ragenden Burgen geschmückt das Auge erfreuen , wo das Kind der Berge durch das breite Flachland an qualmenden Kaminen und geräuschvollen Fabriken vorübereilt, wo das Lied : „An den Rhein , an den Rhein , zieh nicht an den Rhein !“ von dem lustigen Leben, dem ewigen Dom , von der Strimnixe und dem bezaubernden Laut seine Geltung verloren hat, wo auch die Menschen nicht mehr so frei und lustig sind , sondern ernst und gemessen einher gehen, wo, wie die schwarze Flut unaufhaltsam die Industrie sich vorwärts wälzt , und mehr und mehr der Bauer von der Rheinkante in das Hinterland oder in die Stadt vertrieben wird, wo die Männer starkknochig, ernst und verschlossen einherschreiten und die Frauen, zum Teil noch im Schmuck der grauen seidenen Mütze, in Haus und Hof walten, wo Land und Leute der holländischen Art sich nähern, da liegt am linken Rheinufer von Friemersheim bis Orsoy , im Norden durch die kurkölnische Enclave Rheinberg, im Westen durch das Herzogtum Geldern , im Süden durch das Erzbistum Köln begrenzt, die Grafschaft Moers. (Dr. Hirschenberg)
In dieser Grafschaft Mörs liegt unser Heimatdorf Rumeln.

Die ältesten Funde , die auf dem Boden unserer Heimat gemacht wurden , sind einige Hammer der jüngeren Steinzeit. Sie wurden auf der ehemaligen Halfmannschen Ziegelei ausgegraben und befinden sich im Museum zu Mörs. Damit ist die Anwesenheit von Menschen in vorgeschichtlicher Zeit bewiesen.

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Von dieser unseren engeren und weiteren Heimat erhalten wir dann zur Römerzeit Kunde von den Römern selbst. Tacitus hat von ihr berichtet. Asberg , einstmals Asciburgium ist uns als Römerlager bekannt, gelegen als Festung in der Mitte zwischen den Kastellen Xanten und Neuss. Asberg ist dann wahrscheinlich zur Römerzeit zerstört worden.

Von der Anwesenheit der Römer erzählen uns zwei Funde auf unserem engeren heimatlichen Boden. Auf dem heutigen Papenacker im Mühlenwinkel sind vor mehreren Jahren römische Ziegel gefunden worden. Sie sind dem Mörser Heimatmuseum übergeben worden. Entweder ist auf dem Boden des heutigen Mühlenwinkels eine römische Niederlassung gewesen, oder man hat dort Ziegel gebrannt, weil der Lehmboden sich hier eignete, solche herzustellen. Ein weiterer interessanter Fund ist die Lauersforter „phalerae“; ein Kunstwerk von seltener Schönheit. „Im November wurde nämlich bei Lauersfort in einer sumpfigen Niederung zwischen dem Aubruchsgraben und dem Schwafheimer Meer, dem Mühlenwinkel, die phalerae gefunden. Es sind metallene Verzierungen, welche ursprünglich am Riemenzeug der Pferde, dann auch von den Soldaten über dem Harnisch getragen wurden. Sie stellen militärische Ehrenzeichen dar, die, wie der eingeschriebene Name zeigt , einem G. Flavius gehörten. Bis zur Feinheit eines Papierblattes gehämmert und ein stark hervortretendes Relief herausgetrieben. Die Darstellungen zeigen acht Köpfe von Löwen, eine Medusa und anderes.“ (Dr. Hirschberg)

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Seit der Völkerwanderschaft war unsere Grafschaft ein Teil des Frankenreiches und gehörte zum Gau der Hattuarier. Am Rhein wohnten die Rheinuferfranken.

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Zur Zeit Karl des Großen war durch Lindger das Kloster Werden gestiftet worden. Es hatt überall Besitzungen, und solche auch in Friemersheim. In den Urbaren des Klosters Werden werden uns Namen der Siedlungen genannt, wie sie vor dem Jahre 1000 auf dem hochwasserfreien Stellen bestanden. Darunter ist zum erstenmale um 894/94 der Name „Rumolohon“ – das heutige Rumeln. Damit ist urkundlich das hohe geschichtliche Alter unseres dörflichen Gebietes bewiesen. Abseits von allen Gefahren, die der heimatliche Strom durch die stete Veränderung seines Laufes mit sich brachte, waren diese Niederlassungen entstanden.

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Um die Bedeutung des Namens, der ältesten Bezeichnung unseres Dorfes sind die Meinungen nicht ganz einheitlich. Das ganze Gebiet unseres heutigen Rumelns war nur Wald auf der Niedertherasse, Teilgebiete der großen Waldungen, wie sie heute im Vinnbusch, Baerler- und Vluynbusch bekannt sind. Auf den hochwasserfreien Stellen rodeten diese Siedler den Wald, vorherrschend Eichwald. Diese Siedlung erhielt den Namen Rumolohon. Der Name soll aus den Wurzeln „rum“ , die mit dem Wort Raum zusammenhängt und „lon“ gebildet sein. Dieses lon oder lohon wird als dritter Fall der Mehrzahl eines Wortes gedeutet , das uns noch in dem aus der Siegfriedssage bekannten Wort „Waberlohe“ begegnet. Es soll das Leuchtende, Helle einer Lichtung im dunklen Wald ausdrücken. So würde der Name Rumeln etwa: zu den geräumigen Lichtungen im Walde bedeuten.

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Dieses Rumolohon, spätere Schreibweisen Rumolon, Rumelen bis zum heutigen Rumeln wird in dem Werdener Urbar A im Jahre 895 mit 20 Hufen angegeben. 1 Hufe = 75 preußische Morgen. Im Auftrage der Klosterverwaltung Werden wurde Rumeln, zum Fronhof Friemersheim gehörend von diesem Reichshof verwaltet; der 600 Morgen Alland umfaßte. In der Gemarkung Rumeln lag Salland dieses Fronhofes , des curtis dominiea , wenigstens in Größe einer grundherrlichen Hufe. Hier arbeiteten die Bauern , abgabepflichtig an den Reichshof. Es ist anzunehmen, daß der Borgsche Hof dieser Reichshof gewesen ist, denn um das Jahr 1000 wird ein villieus von Borg genannt.
In Friemersheim und Rumeln mußten gezahlt werden von jeder Hufe:

Zur Messe Maria 1 Unze,

zwischen Martins – und Andreastag 1 Sixtus,

Maria Reinigung 1 Sixtus,

in der Mitte des Monats Mai 1 Sixtus, 3 Hühner und 10 Eier.

Dazu gab es eine Kopfsteuer. Eine verheiratete Frau mußte 4 Denare, eine unverheiratete 6 Denare, ein Mann 8 Denare zahlen.
An Einwohner dürfte Rumeln um das Jahr 1000 etwa 100 Köpfe gezählt haben.

Die Bevölkerung zerfiel ihrer rechtlichen Stellung nach in:

1.) Leibeigene auf dem Salland, ohne eigene Wirtschaft, die unbeschränkt Frondienste zu leisten hatten.
2.)Häfner, die, meist ohne Gesinde , ihre Landwirtschaft mit etwa 1 Hufe Land bebauten.
3.)Wahrscheinlich auch Zinsbauern, ohne Fronpflicht, die nur Geldabgaben oder Naturalien zu entrichten hatten.

Der Frondienst bestand in wöchentlich 5 Tagen Landarbeit auf dem Salland und zwar 2 Wochen im Frühjahr, 2 Wochen im Juni und 2 Wochen im Herbst. Ihre gesamte Arbeit dauerte 10 Wochen und bestand in Saatbestellung, Unkraut jäten, Ernte, Schweinehut, Bierbrauen, Brotbacken u.a.. Ihre Abgaben leisteten sie in Erzeugnissen und Geld.

Außer den zu leistenden Abgaben wurde damals fast nur für den eigenen Bedarf gearbeitet. Es wurde Getreide gebaut und Viehwirtschaft getrieben, gleichmäßig als Feldgraswirtschaft. Weizenbau gab es noch nicht. Die Wälder dienten der Schweinemast. Flachs wurde angebaut, Bier gebraut aus eigenem Getreide , Gemüse in Gärten gezogen.
Im 10. Jahrhundert wurden die Besitzungen von Werden in Friemersheim in Abts – und Probsteigut geteilt. Der Hof Borg verblieb dem Abt und wurde Oberhof für den ganzen linksrheinischen Besitz der Abtei. Der Hof Asterlagen wurde Probsteigut. 3 Hufen in Rumeln und einige in Kaldenhausen unterstanden in den folgenden Jahrhunderten dem Hof Asterlagen. Auf dem Hof Borg lockern sich allmählich die Verpflichtungen der Hüfner. Sie brauchen nur noch halb so viel Dienste leisten und ihre Abgaben gehen nun an den Grundherrn, nicht mehr zu Gunsten des Hofes Borg. Um das Jahr 1200 gab es im Bereich des Hofes Borg noch 38 Hüfner.
Die Ritter von Friemersheim hatten auf dem Wehrt ein festes Haus , eine Wasserburg.Durch Mißwirtschaft eines ihrer Verwalter mußten sie ihr Ländchen für 11.800 gute alt goldene Schilde am 21.06.1366 dem Grafen von Mörs als Sicherheit für ein Darlehen verpfänden und im Jahre 1392 endgültig an ihn abtreten. Seitdem die Herrschaftsrechte an die Grafen von Mörs übergingen, führte die Abtei Werden Verzeichnisse über die zu leistenden Abgaben. Dadurch sind uns Bauernhöfe um das
Jahr 1400 von Rumeln bekannt. Später zog der Graf von Mörs die Abgaben selbst ein undführte sie an das Kloster ab. Das geht aus dem Lagerbuch von 1538 hervor.

Aus dem Werdener Urbar sind uns Namen der Bauern von Friemersheim und Umgebung bekannt. Vor dem Jahr 1000 tragen sie noch germanische Namen:

Suafger, Liafger, Frethubold, Inga, Erlabold, Engilsund, Landfried, Burguni, Bernika. Als das Christentum eingeführt wurde und die Familiennamen entstanden, sind uns Namen von Rumelner um 1400 bekannt , ebenso aus den Registern von 1538 und 1678. Mit einigen sprachlichen Änderungen sind diese bis heute erhalten.

(Es folgt im Original nun eine Aufzählung Rumelner Höfe und Bürger von 1400 bis 1862. Interessierten könnte ich auch diese Informationen zugänglich machen.)

Rumelner Familiennamen.

Ein kurzes Wort über die Entstehung der Familiennamen.

Aus der Lage des Hofes entstanden die Namen Bovenschen – ten Boven. Der am anderen Ende wohnte , war der an – gen – endt = Angenendt , in Rumeln Gehnen. Der außerhalb wohnende in jedem Dorf war der Butendorfs. Ter – mitz = Metzges = Metsches wohnte mitten im Dorf. Die Schmitt oder Schmidt = Schmitz sind aus den Berufen abzuleiten.
Noch heute kennen wir den Samanshof als Schlotmes. Hier war einst der Schlosser tätig. Auch von Vornamen sind noch heute erhaltene Familiennamen erhalten. Bei einer Trauung 1661 trägt sich der Bräutigam sich als Erken ein mit Vornamen. Sein Kind wird dann als das des Erken bezeichnet , und so bürgert sich nach und nach Erkens als Familienname ein. Der Anlieger der sumpfigen Gebiete unseres Dorfes war der Mörder , abzuleiten von mursa = Sumpf. Aus Mörder , an gen Mörter wird später Mörters. Auch die Flurbezeichnung “ am Mörderberg “ erklärt sich so.

Eine eingehende Betrachtung verdienen noch die Rumelner Flurnamen. Sie werden an anderer Stelle besprochen. Sehr viele aus älterer Zeit sind in ihrer ursprünglichen Form bis heute erhalten und im amtlichen Register eingetragen und haben als Weg – und Straßenbezeichnung Verwendung gefunden.

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Von der Reformation bis 1800

Die Geschichte unseres Dorfes ist aufs Engste mit der Grafschaft überhaupt verknüpft. 1392 gingen , wie bereits erwähnt , die Herrschaftsrechte , die bis dahin von den Herren von Friemersheim ausgeübt waren , an die Grafen von Moers über. Nach dem Register von 1538 mußten 19 Familien von Rumeln ihre Grundsteuern an den Graf von Moers entrichten. Alles , was das Gebiet der Grafschaft im politischen wie auch im religiösen Leben zu bestehen hatte , galt auch für Rumeln. Als die Reformation in der Grafschaft Eingang fand , bekannte sich Friemersheim 1547 zum neuen Glauben. Da Rumeln zur Kirchengemeinde Friemersheim gehörte , nahm man auch hier nach und nach die neue Lehre an. Als bald die schweren Auseinander-setzungen zwischen den Konfessionen begannen , da hatte auch die Bauernschaft Rumeln durch den Truchsessischen Krieg viel Leid und Not zu erdulden. Die Leiden und Schrecknisse , dazu die furchtbaren Grausamkeiten dieser Religionskriege ,die unschuldige Menschen allerorts in der Grafschaft zu erdulden hatten , steigern sich als die Spanier von 1586 – 1597 unsere Heimat drangsalierten. Die Protestanten hatten am meisten zu leiden. Große Armut und Verschuldung waren die Folgen. Vor dem zuständigen Gericht in Friemersheim , welches sehr oft auf der Cölve tagte , erklärten die Bauern später , daß es ihnen infolge des langen Krieges nicht möglich sei , die Abgabenschulden zu entrichten. Für diese Zeit wurden ihnen die rückständigen Zinsen erlassen. Wie tief der Haß gegen die Spanier in den Herzen der Grafschafter lebte , beweist die Tatsache , daß alle Kreuze auf den Kirchen entfernt wurden , weil die Spanier es in ihrer Fahne führten. An die Stelle des Kreuzes setzten sie den Hahn , wie er heute noch auf den evangelischen Kirchen steht. – Moritz von Oranien eroberte am 3. September 1597 die Stadt Mörs und vertrieb die Spanier aus der Grafschaft. Während des dreißigjährigen Krieges war das Ländchen Mörs neutral. 1642 durchzogen französische und hessische Truppen raubend , plündernd und brandschatzend die Grafschaft. Das Kloster Marienfelde ging in Flammen auf. Das war für die Bevölkerung furchtbar. Was die Bevölkerung Rumelns noch durchzumachen hatte , darüber ist nichts bekannt. Nach wenigen Jahren war soviel Geld durch Kollekten zusammen gekommen , daß bald ein neues Kloster gebaut werden konnte.
Land und Leute von 1800 bis 1939.

Über unsere Heimat, die in der damaligen Zeit zum Kanton Mörs im Bezirk Krefeld des Roerdepartements gehörte , erzählt uns vom Jahre 1804 im Handbuch für Geschichte und Erdkunde Johann Schmidt folgendes:
„Dieser Canton ist der schönste und romantischste von allem im Departement und wird auf jeden Reisenden, der ein wenig Freund der schönen Natur ist, den angenehmsten Eindruck machen.

Hier sind keine großen ungemessenen Sandfelder, keine stundenlangen Getreide – Äcker, keine hohen Berge, sondern Felder und Wiesen, Obst- und Gemüsegärten, größere und kleinere Waldungen, in denen vortreffliches Holz wächst, wechseln beständig miteinander ab. Die Menschen wohnen dort bei den ihren Gärten, Äckern und Feldern im Schatten der Obstbäume und des Laubholzes angenehm, und die Häuser der Dörfer sind in langen Reihen oder in einem großen Ganz – oder Halbzirkel herum niedlich gebaut.

Der Boden ist fruchtbar und trägt Weizen und Roggen, Gerste und Hafer, Erbsen und Bohnen, Wicken und Linsen, Raps und Flachs. Die Wiesen tragen gutes und reichliches Gras und die Obstbäume vortreffliches Obst aller Art.

Die meisten Bewohner bekennen sich zur ref. Religion und im Ganzen scheint viel Wohlstand zu herrschen. Die Tracht der Weiber, besonders ihr Kopfputz, weicht sehr ab und ist quiselartig, und die Lebensart auf dem Lande hat Ähnlichkeit mit der in dem brabantischen Kempen. In den Wäldern wohnen Turteltauben, Krähen, Raben, und Holtzheher.

In den Feldern trifft man häufig die Erdnüsse an. Emmerich, ein ref. Kirchdorf am Rheine Neukirchen, Baerl, Kapellen, Homberg und Essenberg, Vluyn, Repelen, Rumeln und Oestrum sind ref. Kirchdörfer, deren Bewohner von den gesegneten Erträgen ihrer Äcker und Wiesen leben.

„(Rheinhausener Zeitg. Vom 30.12.1937).
Die Eigenart von Land und Leuten , wie sie hier geschildert werden , bleibt noch lange erhalten. Ganz aussterben werden sie nie , denn sonst hätte der Mensch sich selbst aufgegeben. –
Rumeln liegt in der Bürgermeisterei Friemersheim, die 1794 gebildet wurde. Bis zum 1.7.1934 hat es zu ihr gehört. Das Gebiet von Rumeln umfaßt ein Flächeninhalt von 699,41,04 Hektar. Die Bürgermeisterei gehört von 1794 – 1813 unter französischer Herrschaft zum Departement de la Roer, Kanton Ürdingen, Armondissement Crefeld. 1813 kam sie zum Kreise Krefeld. Am 3.Dezember 1857 wurde der Kreis Mörs ins Leben gerufen, der von 1813 – 1823 unter dem Namen Kreis Rheinberg bestanden hatte, dann aber dem Kreise Geldern zugeteilt worden war. Damit war ein alter Zustand, wie er vor der Fremdherrschaft bestanden hatte, nämlich , daß Friemersheim zum Kreise Mörs gehörte, wieder hergestellt.-
In militärischer Beziehung war die Bürgermeisterei Friemersheim vom 1. November 1858 mit dem Kreis Mörs dem Landwehrbezierk Geldern zugeteilt. Früher gehörte Friemersheim nach Düsseldorf. Die Bürgermeisterei gehörte zum Amtsgerichtsbezirk Ürdingen bzw. Landgerichtsbezirk Krefeld, früher Düsseldorf.

Nach diesem komunalpolitischen Betrachtungen kehren wir zu unserem Heimatdorf zurück. Sie waren nötig , weil Rumeln in der beginnenden Entwicklung ein Teil der Bürgermeisterei Friemersheim war.

Von den Erträgen ihrer Äcker lebte der größte Teil der Bevölkerung. Entweder hatten sie ein eigenes Besitztum oder hatten sich als Tagelöhner verdingt, als Gesinde die Unverheirateten. Dort verdiente ein Hofknecht in der Mitte des vorigen Jahrhunderts 50 – 65 Taler; der gewöhnliche Knecht 30 – 50 Taler; der Junge 20 – 30 Taler; eine Magd 25 -30 Taler; die kleine Magd 18 – 25 Taler. Neben dem Gesinde waren viele als landwirtschaftliche Tagelöhner beschäftigt. Sie standen in fester Arbeit bei benachbarten Bauern und Grundbesitzern.
Viele Tagelöhner besassen ein eigenes Haus mit etwas Land, andere wohnten zu Miete. Sie hielten sich eine Kuh oder ein Schwein, oder aber 1 und mehrere Ziegen. Für diejenigen , die nicht in der Landwirtschaft tätig waren, fand sich Gelegenheit zum Verdienst als Handwerker, wenn auch mäßig, oder als Weber in der Hausindustrie. So gingen sie alle in althergebrachter Weise, wie ihre Väter ihrer Arbeit nach mit großen Fleiß, insbesondere der Bauer. Weil sie selbst anspruchslos, einfach in ihrer Lebensführung, sparsam im Essen und Trinken waren, hatten es manche zu Wohlstand gebracht. Von diesem Wohlstand zeugen noch manche Bauernhöfe. So hatte die Dorfgemeinschaft ihr Eigenleben treu bewahrt.

Als 1815 endgültig die Fremdherschaft beseitigt war, entwickelte sich im Herzen Europas Preußen trotz vieler innerer Schwierigkeiten zur führenden Macht. Nach den Einheitskriegen von 1864 / 66 und 70 / 71 begann für Deutschland, welches als Kaiserreich siegreich aus dem letzten Krieg hervorging eine gewaltige Aufwärtsentwicklung. Zwei Dinge geben dem 19. und beginnenden 20. Jahrhundert das Gepräge. Das Kennzeichen der neuen Zeit ist die Technik und mit ihr die Industrien der verschiedensten Art geben dem großen Vaterland und im engeren Sinne unserer Heimat nach und nach ein anderes Landschaftsbild, formen einen neuen Menschen.

Von dieser gewaltigen Aufwärtsentwicklung wird selbstverständlich auch das letzte Dorf erfaßt. Land und Leute unseres Dorfes werden mitgerissen von dieser neuen Zeit. Wenn bis dahin das Dorfleben in gewohnter Weise verlief, dann bringen Technik und Industrie neues Leben auch hierher.

Die durch die Naturkräfte gestaltete Landschaft nahm der Mensch einst in Besitz. Durch Jahrhunderte schaffte er in dieser Landschaft, verteidigte sie gegen Übergriffe, gewann sie lieb, war nach und nach mit seiner Scholle verwachsen und stand in stetem Kampf mit den Allgewalten der Natur. Durch sein hartes Tagwerk jahraus, jahrein durch sein stetes Bereitsein im Kampf für seine Heimat, sei es gegen Naturkräfte oder kriegerische Ereignisse, die über Rumeln und der Grafschaft überhaupt in den vergangenen Zeiten dahingegangen sind, ist der Grafschafter Mensch ernst in seinem Wesen, besitzt einen klaren Sinn für Realitäten, ist kein Hurrapatriot, sondern geht alle Neuerungen, seien es neue Ideen im wirtschaftlichen oder politischen Leben mit dem nötigen Mißtrauen heran. Er läßt die Dinge sich entwickeln und wägt ab, um sich dann langsam nach gründlicher Überlegung zu dem Neuen zu bekennen oder es ganz abzulehnen. Er ist so mit seiner angestammter Scholle verwachsen und Hüter und Wahrer echten Volkstums und alter deutscher Sitte , daß er seinen Sinn nicht von heutŽ auf morgen ändert. Auch in seinem Verkehr zu den Mitmenschen ist er zurückhaltend, oft scheinbar unhöflich. Erhat seinen Grafschafter Stolz. Er prüft sie Dinge auch hier. Wenn er einem Menschen sein Vertrauen schenkt, dann tut er es ganz. –

Auf diesen konservativ ausgerichteten Menschen der Grafschaft, der treu zu seinem König und Kaiser stand, im religiösen Leben streng reformiert evangelisch, fast pietistisch ist, welches auch sein Wesen und seine Art sogar wesentlich beeinflußte, stürmen nun die Ideen des Fortschritts dieses Jahrhunderts ein.

Die Eisenbahn hatte ihren Siegeszug durch das Land begonnen; und Stadt und Land einander näher gebracht.

Entfernungen schrumpften zusammen. Auch durch Rumeln fuhr sie seit 1847. Seitdem 1888 in Kaldenhausen die Haltestelle errichtet wurde, konnte der Landbewohner leichter und schneller in die Stadt kommen. Am 23.12.1903 erhielt Rumeln selbst eine Eisenbahnhaltestelle an der Strecke Duisburg – Moers – Kleve. Welche Bedeutung die Eisenbahn mehr und mehr als schnelleres Verkehrsmittel gegenüber der Postkutsche hatte, als Beförderungsmittel für Mensch und Tier, braucht nicht besonders erwähnt zu werden. Der Blick des ländlichen Menschen weitet sich und verschließen konnte sich dieser neuen Einrichtung keiner. Wenn anfänglich die Rumelner staunend dieses schnaubende Ungeheuer bewunderten , dann werden Beherzte bald eine Fahrt zu ihren fern wohnenden Bekannten oder Verwandten gewagt haben.

Jetzt konnten sie ihre Besuche öfters machen. Früher waren sie vielleicht nur zur Kirmes oder zur Familienfesten über Land gefahren. Wenn der Rumelner sich beim Bau der Eisenbahn vielleicht gewehrt hatte seine Ländereien durchschneiden zu lassen , wie es in der Grafschaft vielfach vorgekommen ist, dann mußte er doch bald einsehen, daß diese Erfindung auch für ihn Nutzen hatte und sogar eine gewisse Bequmlichkeit brachte.

Der Mensch begann mit dieser neuen Erfindung die Landschaft umzugestalten auf Kosten des bisherigen Friedens dieser heimatlichen Flur. Der Dorfbewohner begriff allmählich, daß die Eisenbahn der Bote einer neuen Zeit sei und er selbst in seinem Denken und Handeln sich umstellen mußte, ob er wollte oder nicht.

In der weiteren Umgebung entstand in Homberg 1854 die erste Zechenanlage, rechtsrheinisch wuchsen später andere industrielle Unternehmungen. Schornsteine , Hochöfen und Förderanlagen brachten Abwechslung in das heimatliche Landschaftsbild. Unsere heimatliche Gegend hatte aufgehört, ein rein landwirtschaftliches Gepräge zu haben.

In ganz erheblichem Maße erfuhr unser Landschaftsbild durch den Einbruch der Eisenindustrie eine Änderung. Die Bauwerke des Menschen prägen das Gesicht der Landschaft. Seit 1895 begann neben der Landwirtschaft und den Kleingewerben und Handwerksbetrieben die Industrie als neuer Wirtschaftsfaktor ihren Einzug in die Bürgermeisterei Friemersheim. Mit der beschaulichen Ruhe war es vorbei. Wenn die Menschen bis dahin ihren Broterwerb vorwiegend in der Landwirtschaft, als Handwerker oder auf der Eisenbahn hatten und das waren die meisten , so richten doch manche , um eine höhere Verdienstmöglichkeit zu erlangen, ihr Augenmerk auf die Industrie. Die Anziehungskraft der rechtsrheinischen Kohlenbergwerke und der Eisenproduktionsstätten machte sich bald bemerkbar. Zu Fuß gingen Rumelner Männer nach Duisburg oder Hochfeld den langen Weg zu ihren Arbeitsstellen, andere nach Uerdingen. Als die Eisenbahnstrecke Duisburg – Kleve noch nicht gebaut war, auch sie entstand aus der Notwendigkeit, die die industrielle Entwicklung mit sich brachte, war es für den Industriearbeiter ein langer und harter Arbeitstag besonders im Winter. Andere Familienväter siedelten nach Erledigung der dringensten Feldarbeiten unter Zurücklassung ihrer Familie auf kürzere oder längere Zeit in die Industriestädte über, um mehr zu verdienen, als bisher als landwirtschaftlicher Arbeiter. Die Folge davon war, daß sich bald ein Mangel an landwirtschaftlichen Kräften bemerkbar machte. Die Industrie brauchte Menschen, auch manche unseres Dorfes werden Angehörige dieses neuen Standes: des Industriearbeiters. Auch wenn anfänglich die Zahl lange Zeit niedrig blieb, so schnellt sie rapide hoch als um die Jahrhundertwende Krupp seine Tore öffnet.

Bis zum eindringen der Industrie hatte der Mensch in Ruhe seiner Arbeit nachgehen können. Technik und Maschine brachten Tempo in den Arbeitsgang.

Früher war der Verdienst klein gewesen. Bares Geld für geleistete Arbeit gab es auf dem Dorfe wenig. Manche Arbeitsleistungen wurde durch Naturalien entschädigt. Nun erhielt der Arbeiter Lohn in klingender Münze mehr als bisher.

Einige Zahlen der Einkommen der verschiedenen Berufe um 1860 sollen uns das veranschaulichen.

Die Schneider arbeiten in der Regel in den Häusern und erhielten neben freier Kost 5 – 6 Silbergroschen. Der Arbeiter in den `Baumwollspinnereien` in Moers erhielt 8 – 12 Silbergroschen , der Industriearbeiter 20 – 25 Silbergroschen pro Schicht 2,63 Mk. – 1900 : 4,27 Mk. – 1905 : 4,54 Mk. .

Vergleichen wir unsere heutigen Schichtlöhne eines Industriearbeiters mit denen der Vergangenheit, so erscheinen sie uns gering. Doch war es gemessen an der damaligen Lebenshaltung viel. Der einstige Tagelöhner auf einem Bauernhof ging in treuer Pflichterfüllung jetzt in dem neuen Beruf auf. So sind Rumelner Einwohner als Fabrikarbeiter oft Jahrzehnte tätig gewesen.

Nebenbei bewirtschafteten sie dann, wie es noch vielfach der Fall ist, ein kleines Eigentum. Durch Fleiß und Sparsamkeit gelangten sie mit der Zeit zu einem gewissen Wohlstand. Neue Eigenheime entstanden. Auch in dieser Beziehung vollzog sich ein Aufstieg. Vergleichen wir die Zahlen der bewohnten Häuser in der Bürgermeisterei Friemersheim von 1843 bis heute, dann stellen wir fest, daß eine große Zahl Eigenheime dazugekommen sind, neben den großen und kleinen Bauernhöfen.

Von 1900 an sind uns die bewohnten Häuser in Rumeln bekannt. Es waren :

1900 – 140

1905 – 155

1910 – 171

1915 – 195

1920 – 192

1925 – 188
Aus diesen Feststellungen erkennen wir die gesunde Auffassung des Arbeiters, auf eigenem Grund und Boden zu schaffen, er will bodenständig werden, wie es der Bauer schon seit Generationen im Dorfe war. Betrachten wir die Häuser dieser Industriearbeiter – und – angestellten, dann können wir beobachten, daß mit Fleiß und Liebe an der Ausgestaltung des Eigentums gearbeitet wird. Sie sind alle atolz auf ihr Besitztum, und das mit Recht. Nicht nur das die Einwohnerschaft anwächst, sondern Rumeln wird eine Gemeinde, die sich nicht mehr ausschließlich von den Erträgen auf eigenem Grund und Boden ernährt, sondern mehr und mehr Merkmale zeigt, die bedingt sind durch die Nähe der Industrie.

Durch die Verdienstmöglichkeit als Industriearbeiter, überhaupt seitdem die Industrie sich mehr und mehr ausbreitet, kommt viel mehr Geld unter die Leute. Die Folge davon ist, daß der Mensch auch mehr Geld braucht, weil er durch Mehreinnahmen anfängt höhere Ansprüche an das Leben zu stellen.

Viele Jahrzehnte hatte der Grafschafter anspruchslos und bescheiden in jeder Beziehung gelebt. Das änderte sich jetzt grundlegend. In seiner Lebensweise , Kleidung, Ernährung und in der Ausgestaltung seiner Wohnung stellt der Mensch auch auf dem Dorfe, höhere Ansprüche, wenn diese vorerst noch nicht stark hervortreten. Der alteigesessene Grafschafter hat sie lange Zeit mit diesem Aufwand nicht abfinden können. Die Älteren und Alten nannten es Verschwendung. Wir können es ihnen nicht verargen, daß sie diese neue Zeit nicht in dem Maße mitmachten, wie die jüngere Generation. Sitte und Brauchtum pflegten sie weiter in Grafschafter Einfachheit. Das war gut so , denn die vielen fremden Menschen, die dörfliche Sitte und bäuerliches, grafschafter Brauchtum nicht kannten, sollten es von den Eingesessenen als die Träger und Hüter kennenlernen.

Die Zahl der Zugezogenen wuchs von Jahr zu Jahr. Nach dem ersten Weltkrieg haben sich viele Auswärtige aus allen Gauen unseres Vaterlandes in unserem Dorf niedergelassen, besonders aber in den letzten 10 Jahren. Die bis dahin rein bäuerliche Bevölkerung unseres Dorfes wurde eine gemischte. Diese Vermischung schreitet unaufhaltsam fort, weil die Möglichkeit, ein eigenes Heim auf Rumelner Boden zu gründen noch manche Erleichterungen gegenüber anderen Gegenden aufweist. Die Arbeitsstätten der Leute, die Arbeit und Brot in der Industrie finden, sind durch Eisen – und Straßenbahnverbindungen nach allen Richtungen bequem zu erreichen.

Diese Durchsetzung der dörflichen Bevölkerung mit Menschen aus anderen Gegenden, und die daraus sich zwangsläufig ergebenden Blutsverbindungen bleiben nicht ohne Vorteil für die Zusammensetzung der Bevölkerung, wie für das gesamte Leben der ganzen Gemeinde.
Eine Auffrischung des Blutes eines jeden Dorfes war infolge jahrhundertlangen, sehroft verwandtschaftlicher Verbindungen unter den Generationen sehr nötig, weil sonst der Bestand eines Dorfes für die Zukunft gefährdet war.
Die Auswirkungen dieser Erneuerungen macht sich heute schon bemerkbar. Als Lehrer kann man es in der Schule täglich beobachten. Die ruhige, zurückhaltende, ja oft schüchterne auf der einen, und die frische,sprühende, lebendige Art auf der anderen Seite bei unseren Rumelner Kindern sind die hervorstechendsten Merkmale. Wie diese temperamentvollen Kinder dem Unterrichtsbetrieb in der Schule einen neuen Auftrieb geben, so wirkt sich dieses belebende Moment früher oder später auch im gesamten Gemeindeleben aus. Diese grundverschiedenen Typen ergänzen sich im späteren Leben.
So hat das Zeitalter der Technik und der Industrie nicht nur unsere heimatliche Landschaft, im engeren Sinne unsere dörfliche Heimat umgestaltet, manches liebe ist verschwunden, sondern auch den bäuerlichen Typ mehr und mehr verdrängt und den Industriemenschen an die Stelle gesetzt, der immermehr dem Häusermeer der Großstadt entflieh und anfängt, auf seinem Grund und Boden zu leben, und natuverbundener auf dem Dorfe sein Leben gestaltet für sich und seine Familie. Fast scheint es so, als wolle der Industriemensch den Grafschafter ganz verdrängen. Er überwiegt heute schon den bäuerlichen Typ bei weitem. Für den alteingesessenen Rumelner Bürger und Bauer und seine Angehörigen besteht darum heute die Pflicht gegenüber den Zugezogenen, den „Neuen Rumelner“ nicht als Eindringling zu betrachten,sondern zu begreifen , daß wir uns in einer fortschreitenden Entwicklung befinden, und ihn darum aufnehmen in die dörfliche Gemeinschaft, ihn zu begeistern für unsere dörflichen Sitten und dem übernommenen Brauchtum, damit diese neue Dorfgemeinschaft in Freud und Leid, das gute Alte pflegend, fortbesteht.